Ein erstes “großes” Geschenk erhielt ich, als ich meinen Hibbel zur Welt brachte.
Es war besonders, erstaunlich, großartig und unsagbar schmerzhaft.
Ich hör mich heute noch im Kreissaal brüllen, dass das Machen doch schöner sei, als das Kriegen
Ein paar Jahre später, durfte ich eine Freundin, sehr zur Erleichterung ihres Freundes, in den Kreissaal begleiten und half ihr so gut es ging, die gesunde Tochter zur Welt zu bringen.
Ich glaube besonders lustig daran war, das genau an diesem Tag auch meine Scheidung vor Richter und Gericht “ratifiziert” wurde ;) Da meine Freundin schon lange in den Wehen lag, bat ich den Richter doch ein Einsehen zu haben und den ganzen Schißlapleng schnell über die Bühne zu bringen, da ich woanders nötiger gebraucht werde. Er grinste und in 10 Minuten war alles vorüber. Was ich von den Wehen meiner Freundin nicht behaupten kann.
Weitere Jahre später, bat mich eine Arbeitskollegin, um tatkräftige Unterstützung im Kreissaal.
Wieder erblickte ein Kind mit meiner Hilfe, das Licht der Welt. Diesmal ein Junge.
Schon damals keimte in mir der Gedanke auf; jetzt warst du so oft Gast, beim Eintritt in diese Welt.
Wirst du auch mal Gast beim Abschied sein ?
Falls ja, hast du die Kraft dazu, kannst du das?
Bei meinen Tieren auf jeden Fall. Dies habe ich mir während meiner Arbeitszeit in einer Tierklinik geschworen.
Aber wie sieht es mit der menschlichen Gattung aus?
Kannst du so stark sein und einen Menschen auch bis “zur anderen Seite der Straße” begleiten ?
Ich stellte mir vor, wie ich mich verhalten würde, was ich machen würde, wie ich reagieren würde.
Ich wünschte mir, das ich ruhig, gelassen und hilfreich sein würde. Trotz all dem Schmerz und der Trauer.
Geht das überhaupt, kann man wirklich so stark sein, auch wenn einem das Herz zerreist und loslassen?
Ich konnte es mir nicht vorstellen, wünschte es mir aber sehr.
In der Nacht von Sonntag auf Montag bekam ich dann meine Antwort und mein Erfahrungslebenskreislauf schloß sich.
Ich durfte mit meiner Tante, meinen Onkel zur anderen Straßenseite begleiten.
Und es war so, wie ich es mir wünschte.
Meine Tante umsorgte, pflegte und liebte meinen Onkel, dass mir mein Herz überlief, vor lauter Liebe und Glück und den Gedanken “Ja, genau so, genau so möchte ich es machen, wollte ich es machen, werde ich es machen!”
Mein Onkel war nie alleine, in seinem letzten Krankenhauszimmer. Es war immer jemand da. Wir lachten zusammen, wir weinten zusammen, wir redeten zusammen. Und ich meine alle, die im Zimmer anwesend waren.
Trotz Morphium, Narkosemittel, Schmerzmittel etc. , mein Onkel hat oft auf uns reagiert. Und seine Reaktionen waren definitiv keine Zufälle, dazu hat er zu oft, genau auf die Pointen reagiert und auf uns
Der Raum war erfüllt von Liebe und Zuwendung und Stärke. Tatkräftig und liebevoll unterstützt durch das Krankenhauspersonal. Sei es ein aufmunterndes Lächeln, eine Salzlampe für schöne Beleuchtung, Aromaöle für die Luft etc.pp.. sie waren immer da, wenn wir sie brauchten, auch wenn wir sie nicht riefen.
Die letzten Schritte zur anderen Seite sind ruhig, entspannt, ein letztes Mal öffnen sich die Augen, schließen sich nicht mehr und es heißt
Auf Wiedersehen, auf der anderen Seite.
Der Körper liegt noch bei uns, friedlich entspannt, mit einem verschmitztem Grinsen. Liebevoll bedeckt mit frischen, duftenden, roten Rosenblättern. Nochmals Danke an das Personal.
Ich bin unendlich dankbar für diese Erfahrung, für dieses große Geschenk.
Konnte ich auch dadurch, auf eine besondere Art und Weise, meinen Papa wieder ein bißchen mehr loslassen.



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